Das „Wohltätige Krankenhaus für Frauen“ in der Hauptstadt Machatschkala machte seinem Namen alle Ehre: In dem kleinen, zweistöckigen Gebäude mitten im Stadtzentrum wurden Frauen, vor allem aus den medizinisch schlecht oder unterversorgten Bergregionen, kostenlos behandelt. Auch juristische oder psychologische Hilfe, etwa, weil sie zu Hause misshandelt oder gar vergewaltigt wurden, können sie sie im angeschlossenen Frauenressourcenzentrum finden. Über diese Hilfe kann das Zentrum auch Kontakte zu Frauen knüpfen, die mit Fortbildung und politischen Kampagnen nicht erreicht werden. Der Kampf um Frauenrechte beginnt in Dagestan mit kleinen Schritten wie diesen. Doch auch diese kleinen Schritte machen Feinde.
Alles fing Anfang der 1990er Jahre an. Aischat Magomedowa, die aus den Bergen stammt, war damals Oberärztin im Republikskrankenhaus in Machatschkala. Sie sah, wie das ehemals sowjetische Gesundheitssystem unter den plötzlich einbrechenden wilden Zeiten auseinanderfiel. Es gab keine Spritzen, kein Verbandsmaterial, keine Medikamente und wenn ein medizinisches Gerät kaputt war, blieb es das auch. Aischat, selbst ohne Familie und kinderlos, gründete die „Liga zum Schutz von Mutter und Kind“, eine der ersten NGOs in Dagestan. 1994 bot ihr das dagestanische Gesundheitsministerium ein kleines, zerfallenes Gebäude im Stadtzentrum an, eine ehemalige Kinderklinik, um ein kleines, privates Krankenhaus dort zu aufzubauen. Geld bot das Ministerium nicht, also suchte Aischat Magomedowa anderswo und fand es über die Jahre meist im Ausland, darunter bei der UNESCO, Caritas Frankreich und den Doctors of the World.
Die Eröffnung der kleinen 20-Betten-Klinik fiel mit dem Beginn des ersten Tschetschenienkriegs zusammen. Dagestan musste mehr als hunderttausend Flüchtlinge aufnehmen. Aischat Magomedowa stellte kleine Medizinbrigaden zusammen und besuchte die Flüchtlingslager, so wie sie regelmäßige Visiten in den entlegenen Bergregionen unternahm. Mehr als 3.000 Frauen wurden seither umsonst stationär behandelt, dazu mehr als 30.000 ambulant. Immer mehr wuchs in Aischat mit der Zeit die Idee, nicht nur zu helfen, sondern etwas zu ändern. So entstand das dem Krankenhaus angeschlossene Frauenressourcenzentrum. Hier wird versucht, Frauen nicht nur individuell zu ihrem Recht zu verhelfen, sondern die Gesellschaft zu mobilisieren.
Die Idee von Frauen als in allen gesellschaftlichen und politischen Sphären gleichberechtigten Menschen wird selbst von der Mehrzahl der Frauen in Dagestan nicht geteilt. In Machatschkala und in einer Reihe von Kreisstädten wurden 2007 und auch 2008 Seminare zu den Themen „häusliche Gewalt“, „Frauenrechte“ und „Frauenselbsthilfegruppen in Dagestan“ angeboten. Es kommen ganz unterschiedliche Frauen. Aus der Stadt und vom Land. Gebildete und weniger Gebildete. Wohlhabende und Arme. Den meisten gemeinsam ist die Erfahrung, dass ihnen von Aischat Magomedowa und ihren MitarbeiterInnen geholfen wurde. Oder sie haben davon gehört, wie sie Verwandten, Freunden und Bekannten halfen. Die praktische Hilfe schafft erst das Vertrauen, auch über andere Dinge zu reden. Darüber zum Beispiel, dass Ehemänner kein Recht haben ihre Frauen und Töchter zu schlagen oder gar zu vergewaltigen. Darüber, dass auch Frauen ein Recht auf Bildung und Beruf haben. Darüber, dass Frauen selbst über ihr Leben bestimmen dürfen, ohne den Familienältesten zu fragen.
Dorthin zu gelangen war für die gläubige Muslima Aischat Magomedowa ein weiter Weg. Als sie vor sechs oder sieben Jahren das erste Mal im Moskauer Büro der Heinrich Böll Stiftung zu einem PartnerInnentreffen erschien, wartete unten auf der Straße im Wagen ein männlicher Verwandter. Der Anstand musste gewahrt bleiben. Oben saß Aischat sichtlich fremd im bunten Reigen der MenschenrechtlerInnen, ÖkologInnen und FeministInnen. Doch wenn als sie das erste Mal zu sprechen begann, mit ihrer leisen und doch eindringlichen Stimme, ein paar widerspenstige Haarsträhnen unter das weiße, von der Großmutter ererbte Tuch zurück schiebend, verstummtes das übliche Getuschel. Alle hörten zu. Später wurden die Sitten lockerer. Bei aller Zurückhaltung war der in Russland übliche Begrüßungskuss sogar mit einigen Männern möglich. Und vor dem Haus saß kein Mann mehr im Moskauer Winter frierend in seinem Auto.
Das Bewusstsein dafür, dass Frauen Rechte haben, wie Männer auch, soll mit öffentlichen Veranstaltungen vorsichtig geweckt werden. In Machatschkala fand seit 2006 eine Reihe von öffentlichen Diskussionen zu Themen wie „Frauenrechte und Koran“, „Die Wurzeln des gegenwärtigen Terrorismus“ und „Moderner Islam“ statt. Das sind alles heikle Themen im russischen Nordkaukasus. Der Tschetschenienkrieg hat alles Islamische unter den Generalverdacht gestellt, „islamistisch“ und damit „extremistisch“ zu sein und mit Terrorismus in Verbindung zu stehen. All diese Beschuldigungen werden immer wieder benutzt: Vom Staat gegen die Bürger, im Machtkampf untereinander, in wirtschaftlichen Auseinandersetzungen und privaten Fehden.
Auch Aischat Magomedowa ist mehrmals in diese Mühlen geraten. Die Gründe dafür kann man nur vermuten. Es kann das nur fünf Minuten vom Regierungssitz gelegene Krankenhausgebäude sein. Der Boden auf dem es steht ist im Immobilienboom der vergangenen Jahre ein wahrer Schatz geworden. Es kann ein beleidigter Ehemann sein, eine Familie, die sich in ihrer Ehre gekränkt fühlt. Es kann der Geheimdienst FSB sein, der „Erfolge“ im Antiterrorkampf vorweisen muss. Oft aber vermischen sich solche Grenzen in Russland und im Nordkaukasus besonders. So war es 2001, als in Machatschkala geraunt wurde, Aischat Magomedowa verberge tschetschenische Terroristen im Keller ihres Krankenhauses. Nachts kamen Männer in Masken, warfen die kranken Frauen aus den Betten und suchten darunter die Keller, die es nicht gibt. Keine Keller – keine Tschetschenen. Aischat marschierte mutig ins FSB-Hauptquartier und verlangte zu wissen, was man gegen sie habe. Nichts. Wer hinter dem Überfall steckte, wurde nie geklärt.
Im Frühjahr 2006 begannen die Versuche der staatlichen Vermögensverwaltung, die über zehn Jahren zuvor erfolgte Privatisierung rückgängig zu machen. Mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung und von Moskauer NGO-Netzwerken wehrte sich die Trägerorganisation „Liga zum Schutz von Mutter und Kind“, also Aischat Magomedowa politisch und juristisch dagegen, sie und ihr Krankenhaus aus dem Gebäude zu vertreiben. 2008 nahm der Druck zu: Obwohl es nie Beschwerden über die Qualität der medizinischen Forschung gegeben habe, wie Aischat versichert, machte das Ministerium für öffentliche Gesundheit Personal und Patienten mit allerlei Kontrollen das Leben schwer. Auf dem zentralen Platz von Machatschkala demonstrierten daraufhin ehemalige Patientinnen und dem Krankenhaus verbundene Frauen für ihr Hospital: „Als hätte unser Land nicht andere Probleme als Krieg gegen ein Krankenhaus zu führen wo arme und Not leidende Frauen kostenlos behandelt werden“, sagte eine Teilnehmerin dem Korrespondenten der Internetzeitung „Kaukasischer Knoten“. Doch der Kampf war vergeblich. Das Oberste Gericht Dagestans verwarf im Herbst die Berufung. Anfang Februar 2009 warfen Gerichtsvollzieher Kranke, Betten, medizinische Geräte und die Einrichtung des Frauenressourcenzentrums auf die Straße. Und zwar buchstäblich.
Aischat Magomedowa war nicht dabei. Sie lag nach einer Krebsbehandlung im Herbst 2008 mit einer schweren Lebererkrankung in einem Moskauer Krankenhaus. Für sie, die wohltätige Ärztin, müssen FreundInnen und PartnerInnen sammeln, um die offiziell kostenlose Behandlung zu bezahlen. Ihr Krankenhaus liegt auf der Straße. Ob sie gesund genug wird, um einen neuen Anlauf zu unternehmen, ist in Moment, in dem dieser Text entsteht, ungewiss.


