Die Gegenreaktionen in West und Ost unterschieden sich ebenfalls. Das westeuropäische Establishment bemühte sich nach einigem Ringen um eine Transformation der Revolution und begab sich mehr unwillig als freiwillig auf den langen Weg zu politischen und gesellschaftlichen Reformen. Dieses pragmatische Projekt zog allerdings radikale Veränderungen der politischen Kultur des Westens nach sich. Die osteuropäischen Autoritäten beantworteten die Gehorsamsverweigerung (eines Teils) ihrer Untertanen mit politischer Verfolgung, Repressionen und letztlich durch den Einsatz der Panzer die den Prager Frühling niederwalzten. Im Osten erfolgte die gesellschaftliche Erneuerung erst mit zwanzigjähriger Verspätung. Darin liegt einer der tieferen Gründe für das Drama der Perestrojka in der Sowjetunion.
Trotzdem war das Jahr 1988 – der Beginn der Perestrojka wie auch der Vorabend der „Samtenen Revolutionen“ und des Falls der Berliner Mauer – zweifellos das Jahr, in dem die Hoffnungen auf eine „andere Welt“ in ganz Europa wieder auflebten. Es war das erste derartige Hoffnungsjahr nach den denkwürdigen Ereignissen von 1968.
Auf der gemeinsamen Konferenz der Heinrich Böll Stiftung, der Gorbatschow-Stiftung und Memorial Ende November 2008 in Moskau versuchten Zeitzeugen und Handelnde aus Russland, Deutschland und Tschechien auf die Frage zu antworten was heute aus den Hoffnungen und Ideen der Jahre 1968 und 1988 geworden ist. Unter anderem Michail Gorbatschow, Andrej Bitow, Ralf Fücks, Milan Horacek, Alexander Daniel und Ludmila Alexejewa diskutierten über die Ideen und Resultate von vierzig Jahren Hoffnung, Illusion und Enttäuschung, aber auch über das dennoch erreichte.


